When the world falls down...

Hamburg Rain 2084. Risse im Fundament: Dystopie - Stella M. Lieran, Rainer Wekwerth

Im fünften Band, "Risse im Fundament", läuft die Reihe "Hamburg Rain 2084" zur Höchstform auf. Die Autorin zeichnet ein so düsteres wie bestechendes Bild der Zukunft: die Geschichte einer Stadt, die zum letzten Bollwerk einer sterbenden Welt wurde und nun selbst am Abgrund steht. Der Moloch Hamburg bricht allmählich in sich zusammen, denn schon leichte Erdbeben können die maroden Strukturen ins Wanken bringen - und aus irgendeinem Grund versagen die Stabilisatoren, die solche Beben verhindern sollen...

 

Das sorgt natürlich für einen dramatischen Spannungsbogen, und ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen, ohne es ein einziges Mal zur Seite zu legen! Es ist wirklich unheimlich spannend, und es spricht, abgesehen vom drohenden Untergang, noch weitere interessante Themen an.

 

Unter anderem geht es um eine sektenähnliche Gemeinschaft, die sich tief in den Eingeweiden Hamburgs versteckt hält und sich komplett von der restlichen Welt abschottet. Sie nennen sich die "Befreiten", und ihr Refugium soll eine besinnliche, friedliche Welt der Stille sein. Aber auch das Refugium übersteht die Erdbeben nicht unbeschadet, und so wird ein junger Mann quasi als Botschafter ausgesandt.

 

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen vier ganz unterschiedliche Charaktere, die alle nach einer ganz bestimmten Sache suchen, auch wenn es ihnen nicht bewusst ist. Obwohl sie auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammenpassen, hält doch jeder quasi den Schlüssel in der Hand, den ein anderer braucht, um sein Ziel zu erreichen.

 

Zum einen ist das besagter Botschafter der "Befreiten": der junge Rufus, der schon lange nach einem Vorwand sucht, endlich mal mehr von der Welt zu sehen. Da er sein ganzes Leben behütet und unwissend verbracht hat, ist er natürlich unglaublich naiv und stolpert mit großen Augen durch die gefährliche Unterwelt Hamburgs. Aber er war mir ungeheuer sympathisch und ich konnte immer mit ihm mitfiebern und mitfühlen! Seine grundlegendste Motivation ist, dass er Menschen finden will, unter denen er sich wirklich heimisch fühlen kann, denn in seiner Sekte kam er sich immer vor wie ein Fremdkörper.

 

Dann gibt es da noch den Soldaten Kor, der eine alte Schuld mit sich herumschleppt, die er unbedingt begleichen will - auch wenn es ihn umbringen sollte. Das macht ihn allerdings blind für alles andere und er stößt auch Menschen, die ihn lieben, von sich, um sie zu schützen... Manchmal hätte ich ihn gerne geschüttelt, denn er kann so blind sein! Aber dennoch mochte ich ihn sehr, denn eigentlich hat er das Herz am rechten Fleck, auch wenn er es nicht oft zeigt.

 

Vor allem betrifft das seine Freundin Noora, die in einem Hospiz arbeitet und schon früh beide Eltern verloren hat. Fatalerweise ist ihr tiefster Herzenswunsch, bedingungslose Liebe zu finden - was nur dazu führt, dass Kor sie umso mehr von sich stößt. An ihr mochte ich besonders, dass sie nicht Däumchen dreht und darauf wartet, dass Kor die Welt rettet, sondern selber loszieht, um ihn zu retten. Für mich ist sie ein starker Charakter!

 

Zuletzt gibt es noch Dok: seines Zeichens Wissenschaftler und Nerd. Am Anfang wirkt er zaghaft und ängstlich, zeigt aber in Laufe der Geschichte große Loyalität und eine Art stillen Mut.

 

Ich fand alle Charaktere gut geschrieben: vielschichtig, überzeugend, mit einer guten Mischung aus Stärken und Schwächen. Die Dialoge sind überzeugend, denn sie klingen authentisch und natürlich.

 

Die Liebe zwischen Kor und Noora ist ein wichtiger, grundlegender Teil ihrer jeweiligen Persönlichkeit und Motivation, steht aber meines Erachtens selten wirklich im Mittelpunkt - was ich aber auch gut so fand, denn zur eher düsteren Geschichte hätte rosarote Zuckerwatte nicht so gut gepasst!

 

Zitat:
Kor verharrt einen Moment, als seltene Bilder Hamburg von außen zeigen. In all seiner monströsen, verwachsenen, hässlichen Pracht ragt es wie ein Turm hoch in den aschgrauen Himmel, umgeben von kahlem, moderndem Land zur einen und dem immer näher rückenden Meer zur anderen Seite.
Und dem niemals endenden Regen.

 

Vom Schreibstil her ist dieser Band von Hamburg Rain 2084 mein klarer Favorit! In meinen Augen sind die Formulierungen sehr prägnant, und die Sprache hat eine ganz eigene Melodie, die mich sehr anspricht und mühelos eine dichte Atmosphäre aufbaut. Die Autorin setzt verschiedene Stilmittel ein und findet ungewöhnliche, unverbrauchte Bilder - sie erzählt dem Leser nicht nur, was passiert, sie zeigt es ihm, detailliert, einfallsreich und mit wunderbarem Sprachrhythmus.

 

Zitat:
Kor steht auf verbogenem Metall, zerknirschten Steinen, Resten von Möbeln und Kleidern. Alles liegt durcheinander, übereinander, ineinander verkeilt. Nichts lässt vermuten, dass hier vor wenigen Stunden noch Wohnung an Wohnung stand. Die Straßen sind fort.

 

Fazit:
Im Jahr 2084 hat sich die Stadt Hamburg zu einer Welt in sich entwickelt - zu einem riesenhaften, turmähnlichen Gebilde mit über 100 Stockwerken, und fast ebenso vielen unterirdischen Ebenen. Als die Stabilisatoren versagen, droht dieser Moloch auseinanderzubrechen, und vier ganz normale Menschen ohne Macht oder Einfluss müssen das irgendwie verhindern.

 

Man kann die Bände unabhängig voneinander lesen, und dieser hier ist von allen mein Lieblingsband! Er ist spannend, mit interessanten Charakteren, einem fantastischen Schreibstil und ganz viel Atmosphäre.

Quelle: http://mikkaliest.blogspot.de/2016/05/hamburg-rain-2084-risse-im-fundament.html