Der Giftschmecker

Der Giftschmecker - Fletcher Moss Endlich mal wieder ein wirklich spannendes, originelles Jugendbuch, bei dem ich mir denke: das gefällt bestimmt auch Jungs so ab 12 - womit ich übrigens nicht sagen will, dass das Buch nicht auch fantasievollen Mädchen (oder Erwachsenen) gefallen wird! Denn der Verlag verspricht nicht zuviel, wenn er in seiner Beschreibung des Buches von wilden Verfolgungsjagden schwärmt. Das Tempo ist rasant - eine lebensgefährliche Bedrohung folgt auf die nächste, und man stolpert mit Dalton Fly und seinen Freunden atemlos durch eine Welt, in der sich Geheimnisse und politische Intrigen immer mehr um sie verstricken wie ein tödliches Netz. Wer ist Freund, wer ist Feind? Das ist nicht immer klar, und das kann über Leben und Tod entscheiden.

Übrigens würde ich das Buch nur dann schon ab 12 empfehlen, wenn ein Kind nicht zu zartbesaitet ist. Es gibt mehrere blutige Szenen, die auch ausführlich und bildlich beschrieben werden! Wenn Zweifel besteht, würde ich lieber auf Nummer sicher gehen und das Buch dann doch erst später lesen lassen, so ab 14 oder 15...

Wenn man als Leser mal kurz Luft holen kann, dann erfährt man mehr über die Charaktere, die allesamt lebendig, glaubhaft und vielschichtig beschrieben werden. Besonders Dalton Fly und sein bester Freund Sal Sleepwell waren mir sehr sympathisch, und ich fand die Beschreibung ihres Lebens als Giftschmecker faszinierend und manchmal auch erschreckend. Schon als Kleinkinder wurden sie von ihrem Meister Oscar aufgenommen und mit immer größeren Dosierungen tödlicher Gifte gefüttert, um ihre Körper damit so weit gegen diese Gifte immun zu machen, wie irgendwie möglich. Sie haben unzählige Nächte mit Fieber, Schüttelfrost und Magenkrämpfen durchlitten, aber immerhin gehören sie zu den Glücklichen, die die Ausbildung überlebt haben... Jetzt arbeiten sie als Vorkoster für die Adligen und die Reichen - was ohnehin schon kein Beruf ist, in dem man alt wird, auch wenn man nicht plötzlich unerklärlicherweise von mächtigen Feinden gejagt wird. (Interessant fand ich das ganze Wissen über Gifte und ihre Wirkung, das so ganz nebenbei in die Geschichte einfließt!)

Auch Scarlet Dropmore ist eine interessante Heldin - sie ist 16, "hochgewachsen, tapfer und schön". Sie ist eine der Verborgenen: Kinder, die schon früh von ihren Eltern getrennt und versteckt wurden, weil sie zu wichtig sind, um sie zu riskieren. Manche sind Erben politischer Ämter oder adliger Titel; manche haben einfach nur reiche Eltern und könnten bei Lösegeldforderungen als Druckmittel benutzt werden. Wer Glück hat, wird verhätschelt und in Prunk und Luxus versteckt - wer Pech hat, wird als Küchenjunge oder Diener getarnt. Scarlet war eine der Priviligierten, was sie aber auch angreifbar macht. Und als sie ihr Leben plötzlich Dalton verdankt, wird sie mit ihm zusammen in eine unglaubliche Intrige gezogen, die nicht nur das Leben der Jugendlichen bedroht, sondern vielleicht sogar die Zukunft des ganzen Landes. Junge Adlige und Kinder der untersten Unterschicht sind plötzlich durch ein gemeinsames Ziel vereint und stellen fest, dass sie sich eigentlich doch recht ähnlich sind...

Mein persönlicher Lieblingscharakter war dabei Luke, die zornige 12-jährige, die es nie müde wird, lautstark gegen die Unterdrückung des Proletariats zu wettern - obwohl sie selber aus reichem Hause stammt. Und es gibt noch viele Charaktere mehr, die es wert wären, hier lobend hervorgehoben zu werden, nur würde das den Rahmen meiner Rezension sprengen. Die Charaktere sind wunderbar, das muss erstmal reichen!

Das Buch spielt in einer Welt, die unserer Welt des 18. oder 19. Jahrhunderts nicht unähnlich ist. Dass ein Buch in seiner eigenen Welt spielt, bedeutet ja meistens, dass es sich um Fantasy handelt, aber das ist hier nicht der Fall! Es scheint keine Magie zu geben, keine Elfen, keine Vampire... Am Nächsten kommt die Geschichte der Fantasy noch, wenn Dalton ein stilles Gebet zu Blackjack Gannet spricht, dem Gott der Giftschmecker und Waisenkinder. (Und es tatsächlich manchmal so scheint, als würde der ihm Zeichen geben.) Dennoch baut der Autor eine wunderbare, eindringliche, ganz besondere Atmosphäre auf und nutzt die kreative Freiheit, um eine Geschichte zu erzählen, die auch ohne Magie irgendwie magisch ist.

Auch den Schreibstil fand ich großartig - bildgewaltig und dabei nie hochtrabend, packend, mit ganz eigener Stimme und einer sehr mitreißenden Sprachmelodie. Obwohl er nicht sonderlich einfach ist, finde ich ihn für jugendliche Leser doch passend, und ich habe auch schon von einer 13-jährigen bestätigt bekommen, das Buch sei "genau richtig"!

Ich war eigentlich der Meinung, bei "Der Giftschmecker" handle es sich um einen Einzelband und keine Reihe, aber als ich am Ende der letzten Seite angekommen war, war mein einziger Gedanke: "Oh Gott, lass es eine Reihe sein!" Denn es bleibt sehr viel offen, vielleicht sogar ein kleines bisschen zuviel... Ich MUSS wissen, wie es weitergeht! Leider gibt es bisher auch im Englischen nur diesen einen Band von "The Poison Boy", aber der Autor arbeitet anscheinend immerhin schon an der Fortsetzung.

Fazit:
Eine rasante, hochspannende Geschichte nicht nur für Jungs ab 12, sondern auch für Mädchen - und junggebliebene Erwachsene! Die Charaktere sind wunderbar und voller Leben, der Schreibstil ist intelligent und bildreich, und der Autor beweist, dass man auch ohne Magie magische Atmosphäre erzeugen kann. Eine ganz klare Leseempfehlung!