Der dunkle Feind

Der dunkle Feind - Ardy K. Myrne Das Foto auf dem Cover ist eine interessante Wahl, denn es steht im starken Kontrast zum Titel: statt dem dunklen Feind ist hier ein lichtes Wesen abgebildet, das man mit dem Guten assoziiert - ein Engel, wenn auch einer, den die Zeit halb zerstört und zerfressen hat. Auch wenn das Cover mir vielleicht in einer Buchhandlung nicht direkt ins Auge gesprungen wäre, hat mir gut gefallen, dass hier nicht eines der üblichen Klischees verwendet wurde!

Apropos Klischees: die erste Frage, die ich mir bei jeder Rezension stelle ist die, wie originell die Geschichte ist. Hier kommt einem die Grundidee erstmal sehr bekannt vor: Junges Mädchen trifft jahrhundertealten Vampir, die beiden verlieben sich und stellen sich verschiedensten Bedrohungen. Seit Twilight gibt es das in tausend Variationen, und ich muss ehrlich zugeben, dass ich dieser Art von Vampirroman inzwischen ein wenig überdrüssig bin... Eigentlich. Aber! "Der dunkle Feind" ist kein Twilight-Klon, denn die Vampire sind nicht von der glitzernden Kuschelvariante, sondern eher "klassische" Vampire: gefährliche Raubtiere, die Menschenblut trinken. Back to the roots, und das hat mir gut gefallen! Die Autorin gibt diesen altbekannten Wesen der Nacht dabei ihre ganz eigene, besondere Note.

Und das lag zum großen Teil am Schreibstil, der (besonders für einen Debütroman) erstaunlich souverän und gekonnt daherkommt! Wunderbare Bilder lassen die verschiedenen Szenen vor dem inneren Auge auferstehen, und der Stil hat oft etwas Zeitloses und fast ein wenig Märchenhaftes.

Sarah war mir direkt sympathisch, und sie wirkte auf mich sehr authentisch und glaubhaft. Ok, ein bisschen naiv ist sie manchmal, und was die wahre Natur von Corbian betrifft, ist sie erst erstaunlich blind... Aber das ist ja auch verständlich - schließlich glaubt man unumstößlich zu wissen, dass es keine Vampire gibt! An Corbian gefiel mir, dass er (wie schon gesagt) kein typischer Romantasy-Vampir ist: er ist ein zwiespältiger Charakter, der in seinem langen Leben durchaus auch Schlechtes getan hat. Einerseits ist er tatsächlich ein ewiger Teenager, erstarrt in einem Alter, in dem man sich noch nicht hundertprozentig selber gefunden hat, und andererseits ist er ein zeitloses Raubtier, das einen Teil seiner Menschlichkeit längst hinter sich gelassen hat und jetzt selber überrascht ist über seine Gefühle für Sarah. Ich mochte ihn nicht immer, aber ich fand ihn immer interessant. Und das hatte etwas sehr Reizvolles!

Hettie, die alte Bibliothekarin, mochte ich dagegen uneingeschränkt. Sehr gut fand ich, dass sie im Laufe des Buches noch eine weit wichtigere Rolle spielt, als man am Anfang erwarten würde - überhaupt haben manche der Charaktere überraschende Seiten und entwickeln sich in andere Richtungen als erwartet. Und das macht Charaktere doch gerade erst vielschichtig und interessant!

Das Tempo bleibt in der ersten Hälfte des Buches eher bedächtig, denn so lange dauert es, bis Sarah nach und nach begreift, was Corbian wirklich ist. Manchmal fand ich merkwürdig, wie wenig sie hinterfragt: sie hat keine Telefonnummer von Corbian, keinerlei Möglichkeit, ihn zu kontaktieren... Wenn sie ihn treffen will, bleibt ihr nichts übrig, als nachts in der Stadt herumzuirren wie ein verirrtes Hündchen, bis er zu ihr kommt. Dafür braucht es schon wirklich blinde Verliebtheit - aber andererseits unterstreicht das natürlich gerade die kompromisslose Macht von Corbians Anziehungskraft.

Die Romantik entwickelt sich dementsprechend sehr schnell: es ist buchstäblich Liebe auf den ersten Blick, womit ich eigentlich immer so ein bisschen meine Probleme habe... Außerdem bin ich grundsätzlich ein wenig skeptisch, wie sich ein uraltes Wesen wirklich von einem Teenager angezogen fühlen kann, der im Vergleich ja fast noch ein Baby ist. Aber dafür gibt es hier einen triftigen Grund, den man erst spät in der Geschichte erfährt! Im Rückblick erklärt das Einiges und macht die Liebesgeschichte für mich viel schlüssiger und glaubhafter - und schön geschrieben ist sie ohnehin, dafür hat die Autorin wirklich ein feines Gespür.

In der zweiten Hälfte des Buches ziehen Tempo und Spannung immer mal wieder kräftig an, aber es steht dennoch stets die Liebe zwischen Sarah und Corbian im Mittelpunkt. Ein wenig verstört war ich darüber, wie sie in ihrer Verliebtheit auch eigentlich Unentschuldbares entschuldigt - sogar dann, wenn ein von ihr geliebter Mensch darunter grausam zu leiden hat! Besonders gegen Ende fand ich fast schon bestürzend, wie wenig Einfluss Freunde und Familie auf Sarahs Entscheidungen haben. Da hätte ich mir wesentlich mehr Raum für Sarahs Zweifel und moralischen Zwiespalt gewünscht! Der Kontrast zwischen der Sarah zu Beginn der Geschichte und der Sarah am Ende der Geschichte ist manchmal sehr extrem, und diese Wandlung tritt sehr plötzlich ein.

Andererseits... Vielleicht zeigt uns die Autorin auch nur ganz bewusst eine verborgene Seite von Sarahs Natur, die hier nach und nach ans Licht tritt - was zu dem oben schon erwähnten triftigen Grund passen würde?

Fazit:
Wer Vampirgeschichten voll dunkler Romantik liebt, aber die Nase voll hat von vegetarischen Kuschelvampiren, sollte diesem durchaus gelungenen Debütroman eine Chance geben. Er lebt vor allem von Ardy K. Myres bildreichem, dunkel-poetischem Schreibstil, der besonders in den den romantischen Szenen zur Geltung kommt. Viel nervenzerfetzende Spannung oder bluttriefenden Horror sollte man allerdings nicht unbedingt erwarten - es ist die Liebesgeschichte, die deutlich im Mittelpunkt steht!