Glaslügen (Glas-Trilogie Band 1)

Glaslügen (Glas-Trilogie Band 1) - Nicholas Vega Wenn mich jemand fragen würde, was ich am meisten an Nicholas Vega schätze, dann würde ich sagen: seine Vielseitigkeit. Er hat bisher drei Bücher veröffentlicht, die alle grundverschieden sind, und für mich war jedes auf seine eigene Art etwas ganz Besonderes. Hier ist ein moderner Märchenerzähler am Werk, der leise Zauberhaftes ebenso schreiben kann wie bitterböse Komik.

"Glaslügen" wartet mit unzähligen neuen Ideen und einigen überraschenden Wendungen auf - mal düster, mal poetisch, mal rasant und voller Action, aber nie langweilig oder gar abgedroschen. Das Buch spielt auf zwei Zeitebenen: im Jahr 1845 und in der Gegenwart. Sehr interessant fand ich, wie manche Ereignisse aus 1845 sich in der Gegenwart als Märchen und Mythen wiederspiegeln... Manchmal ist es schwer, zu erkennen, was Lüge ist und was Wahrheit, aber gerade das war für mich ein zusätzlicher Reiz.

Die Handlung zersplittert anfangs wie Glas, nicht nur in die verschiedenen Zeitebenen, sondern auch in mehrere Handlungsstränge, die sich im Laufe des Buches immer mehr wieder zusammenfügen. Ich brauchte nicht lange, um mich darauf einzulassen und ein Gefühl für die verschiedenen Charaktere, Orte und Geschehnisse zu entwickeln, und danach war das Buch für mich ungebrochen spannend.

Die Charaktere wurden lebendig und glaubhaft geschildert - sogar die, die direkt aus einem Märchen entsprungen scheinen. Da gibt es den genialen Glasmacher, der seinen Geschöpfen aus Glas Leben einhaucht. Das Mädchen, dass einst ein Wunderkind an der Geige war und jetzt feststellt, dass mit dieser Gabe eine Fähigkeit verbunden ist, die sie in große Gefahr bringt. Der Junge aus Glas, der körperlich niemals altert und doch geistig langsam verwittert und vergeht. Der Priester, der seit vielen Jahren Buße tut für einen Mord, und dessen sehr realen, sarkastischen und manchmal urkomischen Dämon. Und, und, und... Und trotz dieser Vielfalt an Charakteren fühlte ich mich nie überfordert, sondern eher angenehm GEfordert.

Der Schreibstil ist etwas ganz Eigenes, auf das man sich einlassen muss. In seinen besten Momenten ist er atemberaubend schön, in seinen schlechtesten ein wenig verworren. Nur wenige der Dialoge schienen mir etwas hölzern und mehr wie ein reines Transportmittel für Hintergrundinformationen, aber im Großen und Ganzen finde ich den Schreibstil wunderbar, fantasievoll und berührend.

Für ein bisschen Humor sorgt vor allem der übellaunige Dämon Hex, der einem trotz aller Boshaftigkeit irgendwie ans Herz wächst.... Das Geplänkel zwischen ihm und seinem genervten "Hüter" Twin ist oft kostbar. (Und ein klein wenig hatte ich das Gefühl, dass die zwei sich nicht halb so sehr hassen, wie sie sich gegenseitig glauben machen wollen.)

Die Romantik in diesem Buch hat mich überrascht. Bisher spielte diese in den Büchern von Nicholas Vega keine große Rolle, aber hier gerät das Buch manchmal geradezu in das Genre Romantasy. Wobei ich das nicht abwertend meine, denn die Geschichte erliegt nicht den üblichen Klischees dieses Genres! Sie trieft nicht vor Kitsch, es gibt keine pseudo-erotischen Sexszenen... Sie ist rührend, zart und vorsichtig. Nur die Dreiecksgeschichte, diese unkaputtbare Plage des Genres, die findet sich auch in "Glaslügen" - wobei ich sie trotz aller Vorbehalte gegen dieses Konstrukt hier noch erträglich und unterhaltsam zu lesen fand.

Fazit:
"Glaslügen" ist alles, nur nicht vorhersehbar oder abgedroschen. Der Autor bietet ein wahres Feuerwerk an originellen Ideen, eine große Anzahl an fantastischen Charakteren und eine zarte Liebesgeschichte - und das alles in einem wunderbaren Schreibstil, einer ganz eigenen, unverwechselbaren Stimme.