Die Liste der vergessenen Wünsche

Die Liste der vergessenen Wünsche - Robin Gold Ich habe den Roman kurz vor dem Schlafengehen mit dem Vorsatz angefangen, schon mal das erste Kapitel zu lesen. Um 02:33 morgens habe ich es dann mit roten Augen und einem glückseligen Lächeln im Gesicht zugeklappt. Was für ein wunderschönes Buch, das den Leser auf eine unglaubliche Reise mitnimmt und dabei die volle Bandbreite menschlicher Emotionen heraufbeschwört! Ich habe gelacht und geweint, war himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt...

Aber mal der Reihe nach.

Cover & Ausstattung: Das Cover der deutschen Ausgabe ist einfach, springt aber dennoch direkt ins Auge und vermittelt meiner Meinung nach wunderbar die träumerische Grundstimmung des Romans. Ich habe mich beim Lesen immer wieder dabei ertappt, das Buch zu streicheln - der Einband ist aus dickem, strukturiertem Papier gemacht, das dem Ganzen etwas Besonderes und Edles gibt. Auch die Innenseite des Deckels ist liebevoll gestaltet: hier findet man schonmal einige von Claras Wünschen.

Originalität: Die Idee, dass die Wunschliste eines kleinen Mädchens viele Jahre später zum Schlüssel ihrer Trauerbewältigung wird, fand ich durchaus neu und frisch, und auch die Umsetzung umschiffte gekonnt sämtliche Klischees.

Spannungsaufbau: Ich habe von Anfang an mit Clara mitgelitten, und konnte die Seiten gar nicht schnell genug umblättern. Besonders ab dem Zeitpunkt, als Clara begann, ihre Liste abzuarbeiten, was sie usprünglich gar nicht geplant hatte! Ich wollte unbedingt wissen, wie sie es schaffen würde, die schwierigeren Aufgaben zu erfüllen. Außerdem ergeben sich schnell ungeahnte zwischenmenschliche Komplikationen...

Oft greift das Schicksal Clara ganz schön unter die Arme, und jetzt könnte man vielleicht bemängeln, dass das unrealistisch ist. Z.B. ist ein Punkt der Liste, dass Clara ein Lebkuchenhaus backen und zusammensetzen will, ohne auf "Bausätze" und Backmischungen zurückzugreifen - und siehe da, ein Sternekoch, den Clara total bewundert, bietet einen Kurs für Lebkuchenarchitektur an! Mich hat das, zu meiner eigenen Überraschung, kein bisschen gestört, denn das Buch hatte für mich einfach etwas Märchenhaftes, und in Märchen passieren solche Dinge eben.

(Übrigens: der englische Titel "Once upon a list" suggeriert schon, dass es sich hier um ein modernes Märchen handelt, denn Märchen beginnen im Englischen mit "Once upon a time".)

Charaktere: Clara war mir direkt sehr sympathisch, und auch ihr Bruder Leo ist unheimlich liebenswert und rührend um seine "kleine" Schwester besorgt. Auch die Sorgen der Mutter, die hilflos zusehen muss, wie ihre Tochter immer dünner wird und immer weniger am Leben teilnimmt, haben mich sehr berührt. Überhaupt werden alle Charaktere dreidimensional, mit Ecken und Kanten, und mit Liebe zum Detail beschrieben, so dass ich nie das Gefühl hatte, nur über erfundene Figuren zu lesen.

Schreibstil: Der Schreibstil ist wunderbar rund, schlüssig und gut zu lesen, da fliegen die Seiten vorbei wie nichts. Ich hoffe sehr, dass bald auch die anderen Bücher der Autorin ins Deutsche übersetzt werden!

Tempo: Für mich kam nie Langeweile auf. Das Buch ist nun mal kein Thriller oder ein Action-Reisser, insofern jagen sich hier die Ereignisse natürlich nicht im halsbrecherischen Tempo, aber ich fand das Tempo für die Geschichte genau richtig.

Humor: Für ein Buch, in dessem Zentrum ein tragischer Verlust und die darauf folgende Trauer steht, gibt es doch viele humorvolle Szenen, die aber nie pietätslos wirkten sondern sich wunderbar in die Geschichte einfügen.

Romantik: Ja, es gibt eine Liebesgeschichte. Ich war mir erst nicht schlüssig, ob ich das jetzt gut finden soll oder nicht, denn immerhin ist Clara am Anfang des Buches noch krank vor Trauer... Aber letztendlich fand ich es sehr behutsam und passend geschildert, und die Liebe ist hier auch kein wundersames Allheilmittel.