Nashville oder Das Wolfsspiel

Nashville oder Das Wolfsspiel - Antonia Michaelis Pro:
Ich habe bisher noch kein Buch dieser Autorin gelesen und jetzt frag ich mich: WARUM NICHT? Ich finde den Schreibstil großartig: klar und auf karge Art und Weise poetisch. Aus dem Alltäglichsten werden ungewöhnliche Bilder gewebt, und die Atmosphäre ist einerseits irgendwie nüchtern und andererseits sehr dicht. Das nutzt sich im Laufe des Buches kein bisschen ab, es brachte mich immer wieder zum Staunen.

Die Handlung ist genauso originell wie der Schreibstil; sie bleibt von der ersten bis zur letzten Seite spannend und regt zum Nachdenken an. Das Tempo ist meist ungewohnt langsam für einen Thriller, nur nach und nach fügen sich die Fragmente und Hinweise zu einem Bild zusammen - was der Spannung aber keinen Abbruch tut. Anders als in anderen Thrillern entsteht ein Großteil dieser Spannung nicht aus den Morden, sondern aus den psychologischen Profilen der Charaktere und dem Spiel mit den Erwartungen des Lesers.

Svenja ist eine interessante Hauptfigur: sie hat ihre ganz eigene Art, die Welt zu betrachten. Mal wirkt sie viel älter und erwachsener, als sie wirklich ist, und mal beinahe kindlich. Vielleicht rührt daher ihre innige Verbindung mit Nashville, der zwar ein Kind ist aber diese uralten Augen hat, die zuviel gesehen haben... Nicht immer konnte ich ihr Verhalten nachvollziehen, manches fand ich sogar ein wenig befremdlich, aber dennoch war sie mir sympathisch und ich bin gerne mit ihr auf diese literarische Reise gegangen.
Nashville ist schwerer zu erfassen. Er ist und bleibt das Buch hindurch ein Rätsel, auch wenn man nach und nach mehr über ihn und sein Leben vor seiner Zeit mit Svenja erfährt. Mal ist er ein kleiner Wilder, mal weit über sein Alter hinaus weise und abgeklärt. Einerseits fand ich das sehr schade, andererseits trägt es aber deutlich zur Spannung bei. Er steht im Zentrum des Sturms, im Mittelpunkt all der beunruhigenden und schrecklichen Ereignisse, aber die Autorin lässt lange Zeit offen, ob er Opfer oder Täter ist und wieviel er tatsächlich weiß.

Die diversen Nebencharaktere sind allesamt unglaublich dreidimensional und "echt"; die Autorin schildert sie bunt und lebendig in all ihren positiven und negativen Eigenschaften. Der hoffnungslos in Svenja verliebte Friedel, der Medizin studiert und eigentlich gar kein Arzt werden will. Die undurchsichtige Kathleen, die öfter draußen vor dem Haus ihre scharfen Messer wetzt. Kater Carlo, der Austauschstudent aus Frankreich, dessen drollige Ausdrucksweise mir immer wieder ein Lächeln entlockt hat. Gunnar, der junge Arzt, den Svenja an den unerwartetsten Orten trifft, und der immer todmüde aussieht. Der Junge zwischen den Zeilen, der bedrohlich wirkt aber es vielleicht gar nicht ist. Und, und, und. Es sind viele Charaktere, aber ich hatte nie das Gefühl, den Überblick zu verlieren!

Interessant fand ich, dass ich im Laufe das Buches fast jeden von ihnen verdächtigt habe, hinter den Morden zu stehen - sogar die, die mir am sympathischsten waren. Es baut sich nach und nach eine unterschwellig-paranoide Stimmung auf, wobei die Spannung stetig steigt. In manchen Szenen hatte ich eine richtige Gänsehaut.

Da liegt übrigens der Zusammenhang mit dem im Titel erwähnten "Wolfsspiel" - falls ihr das nicht kennt: es ist ein Spiel, bei dem vorher verdeckt ausgelost wird, wer einen Menschen und wer einen Werwolf spielt. Die Werwölfe morden in der "Nacht" (alle Menschen schließen die Augen), am "Tag" (alle öffnen die Augen) richten die Menschen jemanden, den sie für einen Werwolf halten, wobei sie aber nicht wissen, ob derjenige nicht vielleicht doch ein Mensch ist. Ein wunderbares Gleichnis für dieses Buch!

In dem Roman wird behutsam und sensibel immer wieder das Thema Obdachlosigkeit angeschnitten. Die Menschen zwischen den Zeilen, die oft beinahe unsichtbar erscheinen, für die sich keiner mehr zuständig fühlt und die gedankenlos und gnadenlos verurteilt werden als arbeitsscheu, unnormal, asozial. Das hat mir gut gefallen und mich wirklich immer wieder zum Grübeln gebracht, wie ICH eigentlich mit dem Thema umgehe.

Kontra:
Leider überstrapaziert die Autorin meiner Meinung nach immer mal wieder die Bereitwilligkeit, auch sonderbare und unglaubwürdige Geschehnisse zu akzeptieren. Zum Beispiel weiht Svenja nach und nach viele Menschen darin ein, dass Nashville bei ihr lebt - und niemand ruft die Polizei oder das Jugendamt, oder drängt zumindest bestimmt darauf, dass Svenja das tut. Noch nicht einmal, als Nashville sehr krank wird und es aussieht, als könne er sterben! Sogar Svenjas Mutter macht nur einen sehr halbherzigen Versuch, sie dazu zu bringen, das Kind abzugeben.

Sonderbar fand ich auch, dass Svenjas Eltern nie eingreifen, sogar dann nicht, als Svenja wirklich tief in ernsthaften Schwierigkeiten steckt. Das Mädchen ist erst 19, ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass liebende Eltern (und das scheinen sie zu sein), da einfach mit den Achseln zucken und sagen: na, du schaffst das schon.

Obwohl mich das gestört hat, hat das Buch so etwas Traumwandlerisches, Märchenhaftes, dass ich irgendwann angefangen habe, es einfach zu akzeptieren. Wäre mir das nicht gelungen, hätte das meinen Lesegenuss sicher empfindlich eingeschränkt! Wer den Roman lesen will, sollte sich vielleicht vorher fragen, ob er bei einem Thriller akzeptieren kann, dass nicht alles 100%ig realistisch erschien.

Svanjas Beziehung zu Nashville fand ich den größten Teil des Buches rührend, aber gegen Ende bekam sie für mich einen unguten Beigeschmack. Ich will hier nicht zu viel verraten, aber es kam mir nicht mehr wie eine "gesunde" Beziehung vor.

Das Ende... Das Ende war für mich eher unbefriedigend. Nicht unbedingt schlecht, aber etwas plötzlich, und es ließ Dinge offen, die ich gerne geklärt gesehen hätte.

Zusammenfassung:
Trotz der oben beschriebenen Abstriche habe ich das Buch sehr gerne und mit viel Spannung gelesen, und ich bin sicher, dass ich noch eine Weile darüber nachdenken werde - ein Zeichen dafür, dass es mich berührt hat! Die Autorin hat sich mit diesem Thriller mühelos auf die Liste meiner LieblingsautorInnen geschrieben.