Fremdartig und dennoch glaubhaft

Der Report der Magd - Helga Pfetsch, Margaret Atwood

Das Buch ist unglaublich komplex, und in seiner Komplexität beunruhigend glaubhaft. Alles ist stimmig, jedes Puzzleteilchen passt perfekt in das düstere Gesamtbild... Und das macht es so einfach, wenigstens für einen Moment daran zu glauben, dass diese Zukunftsvision Wirklichkeit werden könnte, so fremdartig die Republik von Gilead dem Leser auch erscheinen mag. Manchmal hatte ich fast den Eindruck, keine mögliche Zukunft zu lesen, sondern eine Vergangenheit, wie sie beinahe passiert wäre.

 

Originell fand ich auch, wie die Autorin in ihrem Werk verschiedene Themen wie Rassismus, Frauenrechte, Umweltverschmutzung und Radikalisierung einfließen lässt - und beeindruckend, dass dabei etwas herauskommt, was sich auch nach 30 Jahren nicht wie ein angestaubtes Lehrstück liest, sondern spannend und bewegend.

 

Der Leser folgt dem Alltag der Magd Desfred, die schon so weit gebrochen wurde, dass sie gar nicht mehr versucht, gegen das System zu kämpfen. Deswegen gibt es keine dramatischen Verfolgungsjagden oder Kampfszenen; Desfred rebelliert allerhöchstens im Kleinen und versucht, sich im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten ein klein wenig Selbstbestimmung zu verschaffen.


Schon der heimliche Besitz eines verbotenen Streichholzes kann für sie ein trauriger Triumph sein.

 

Ihren größten Akt der Rebellion (eine heimliche Affäre) wagt sie erst, nachdem die Frau ihres "Kommandanten" sie fast schon dazu getrieben hat.

 

Und dennoch hatte ihre Erzählung auf mich eine unwiderstehliche Sogwirkung. Das Grauen dieser Welt lag für mich gerade darin, wie schnell diese Theokratie ihrer Bevölkerung anscheinend jeden Kampfwillen geraubt hat, der über das Unmittelbare hinausgeht. Die meisten Menschen brechen die Regeln nicht, um das System zu stürzen, sondern um ihren Platz in diesem System zu verbessern.

 

Die meisten der Charaktere lernt man nicht tiefgehend kennen. Das liegt allerdings nicht daran, dass das Buch schlecht geschrieben wäre, sondern daran, dass die Menschen sich in dieser Gesellschaft nicht mehr trauen können und deswegen leere Floskeln herunterbeten, statt sich ehrlich zu unterhalten.

 

Einzig Desfred ist mir im Laufe des Buches ans Herz gewachsen, auch wenn ich mir oft gewünscht hätte, dass sie etwas mehr wagt und die Dinge nicht klaglos hinnimmt. Aber ich konnte sie auch verstehen, denn sie erlebt immer wieder, was Widerstand einen in Gilead kosten kann. Deswegen werden die Menschen ja gezwungen, sich Hinrichtungen anzuschauen! Ich fand ihre Gedanken herzzerreißend, und so nach und nach gewinnt man als Leser einen Eindruck davon, wer sie früher einmal gewesen sein muss, bevor die Demokratie fiel.

 

Der Schreibstil ist manchmal karg, manchmal eindringlich und melancholisch, aber in meinen Augen immer meisterhaft und außergewöhnlich. Es schwingt ganz viel mit zwischen den Zeilen, im Ungesagten.

 

Fazit:
Eine totalitäre Theokratie in naher Zukunft, in der Frauen jegliche Rechte aberkannt werden. Eine "Magd", die gezwungen wird, sich von einem einflussreichen Mann als Leihmutter benutzen zu lassen. Eine unfassbar grausame, perfide durchstrukturierte Welt, in der niemand wirklich frei ist.

 

Das Buch ist vor 30 Jahren erschienen, und es lässt sich nicht leugnen, dass es sich in Stimmung, Botschaft und Schreibstil stark von den den aktuell so beliebten Dystopien unterscheidet, die sich überwiegend an junge LeserInnen richten - in meinen Augen ist es eher mit "1984" verwandt als mit "Die Tribute von Panem". Das heißt meiner Meinung nach aber nicht, dass es sich für moderne junge LeserInnen nicht lohnt, ganz ihm Gegenteil! Aber es ist ein Buch, auf dass man sich einlassen muss und dem man Zeit geben muss.